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Abschnitt 8
EIN „PFARRER“ WÜHLT IN
MÜLLTONNEN
(1986-1991)
Während sich Graf Magnis bei seiner
Verleumdungs-„Arbeit“ weitgehend auf den Würzburger Raum beschränkte, nützte
„Pfarrer“ Friedrich Haack (vgl. S. 95 ff) von Beginn an auch überregionale
Medien, schrieb Bücher und drängte Politiker zur Teilnahme an der großen
Treibjagd gegen die Urchristen. Im Erfinden von neuen Verleumdungsformeln
war er sogar noch „kreativer“ als sein katholisches Pendant.
In seinem 1986 erschienenen Buch „Das Heimholungswerk der Gabriele Wittek“
etwa bezeichnet er die Urchristen als „Offenbarungsbesitzer“, die die
Kirchen „rücksichtslos beschimpfen“, die „Hasskanonaden mit
Selbstbeweihräucherungstaste“ abfeuern (S. 217). Obwohl er keine
urchristlichen Familien oder Kinder kennt, behauptet er frech, der religiöse
Kampf in der Familie arte „nahezu zwangsläufig zum Terror“ aus (S. 219).
Besonders die Kinder seien gefährdet, hätten keine „normale“ Kindheit. Dass
– etwa bei Sorgerechts-Streitigkeiten – das Kind nicht dem Elternteil
zugesprochen werden sollte, der „Wittek-gläubig“ sei, könne „von
lebensentscheidender Bedeutung sein“, tönt er in einer zweiten, ebenfalls
1986 erschienenen Schrift mit dem Titel „Gabriele Witteks Universelles
Leben“ (S. 29). Tatsächlich kommt es in der Folgezeit zu einigen
Gerichtsprozessen um das Sorgerecht (s. unten Kap. 3.15)
424, wobei aber die Gerichte nach
eingehender Prüfung der Sachlage nichts erkennen können, was einen
Urchristen daran hindern würde, sein Sorgerecht verantwortungsvoll
auszuüben. Doch solche unverblümten Aufforderungen zur rechtlichen
Diskriminierung einer religiösen Minderheit haben bei Haack Methode. Was er
von Toleranz hält, stellt er schon zu Beginn seines ersten Buches klar: Die
„alte, gutbürgerliche Nathan-der-Weise-Naivität“ und die
„Seid-nett-zueinander-Weltmeisterschaften“ sollten vorbei sein (S. 8).
Dunkle Vermutungen und Andeutungen wechseln ab mit primitivem Spott. Haack
warnt vor den Glaubensheilungen des Universellen Lebens, weil Menschen hier
„in die Hände Unkundiger und Unzuverlässiger fallen“, weil die Gefahr
bestehe, dass man sich auf „undurchsichtige Weise berufsartig“ betätige, um
„auf Kosten dieser Menschen eine bequeme Einnahmequelle zu haben“.
425 (Die
Glaubensheilungen sind in Wirklichkeit kostenlos.) Er stellt die falsche
Behauptung auf, die Urchristen würden gänzlich auf Medikamente verzichten
und folgert dann, dies könne „lebensgefährlich werden“. Oder er behauptet
einfach, es drohe Jugendlichen der „Abbruch der Ausbildung“ und „vielleicht
noch eine Eheschließung ‚auf Geheiß Jesu durch Prophetie’“.
426 Der Prophetin
des Universellen Lebens unterstellt Haack „Verwirrung, ja vielleicht
Krankhaftigkeit“ 427; der Gott des Universellen Lebens sei ein
„Reichskammergerichtspräsident“ und ein „kleinbürgerlicher Gott ohne
Geheimnisse“ 428 – Theologen lieben schließlich die „Geheimnisse Gottes“,
hinter denen sie ihre eigene Unwissenheit bezüglich der geistigen Wahrheit
verbergen und in die sie ihre eigenen Vorstellungen hineindogmatisieren
können. Kurzum: Was Haack schreibt, ist eine einzige Abwertung und
Verhöhnung des Glaubens anderer, die zwar „locker“ oder „lustig“ klingen
soll, in Wahrheit aber böse Vernichtungsarbeit – und damit tiefstes
Mittelalter ist.
Politiker als willige Sprachrohre Haacks
In der von ihm herausgegebenen „Münchner Reihe“ lässt Haack mit Vorliebe
auch Politiker zu Wort kommen, die er vor seinen Karren gespannt hat. „Die
neuen Jugendreligionen“ (1986) heißt eine dieser Broschüren, in welcher der
Würzburger CSU-Bundestagsabgeordnete und spätere Bundespostminister Wolfgang
Bötsch zu Wort kommt. Er lobt Graf Magnis, der das Universelle Leben als
„gefährliche Sekte“ entlarvt habe. Hier würden, so Bötsch, die „Grenzen der
Religionsfreiheit überschritten“. Die Politiker seien gefordert, „das
Gemeinwohl vor Schaden zu bewahren und unserer Stadt den religiösen Frieden
zu erhalten“. (So war das zu Inquisitionszeiten auch: Der „religiöse
Friede“, der katholische Zwangsfriede, war hergestellt, wenn die „Ketzer“
ausgemerzt waren, eher nicht.) Der CSU-Europaabgeordnete und spätere
bayerische Europaminister Reinhold Bocklet ruft in diesem Pamphlet zum
„Kampf gegen Jugendsekten auf europäischer Ebene“ auf. Der CSU-MdB Götzer
fordert „keine Chance mehr für die Seelenfänger – politische Initiativen
gegen Jugendsekten“; das Verhalten dieser Gruppierungen sei
„sozialschädigend“. Die CSU-Politiker Udo Schuster und Manfred Ach fungieren
als Mitherausgeber.
Im Verlauf der Jahre 1987 und 1988 schlägt Haack in seinen Vorträgen und
Artikeln gegen die Urchristen zunehmend politische Töne an: Es gehe um eine
„politische Auseinandersetzung“
429, „Sekten“ seien aber „nicht mehr
diskussionsfähig“, das Universelle Leben kaufe „in bestimmten Orten um
Würzburg herum jeden Quadratmeter Land auf, um dort den Christusstaat zu
errichten.“ 430 Die Ankündigung des Friedensreiches durch das Universelle
Leben, so Haack in einem Vortrag am 29.5.87 in Marktheidenfeld, stehe so
nicht in der Bibel. Nur der Teufel spreche dort von einem irdischen Reich
Jesu. Haack wünscht sich, dass es für so eine „nicht kooperative Gruppe“
(weil sie nicht mit den Kirchen kooperiert) „irgendwo noch so eine
Landfläche gäbe, wo man ... seine Sachen machen könne und vom Rest der Welt
nicht gehindert ist“. (Eine Anmerkung sei hier gestattet, ohne damit die
Vorgänge insgesamt vergleichen zu wollen: Auch die Nationalsozialisten
wollten in den 30er Jahren die Juden zunächst nach Madagaskar abschieben
...)
In Geo (12/89) behauptet Haack (unter der Überschrift „So macht man
Geschäfte mit dem Glauben der Menschen“), die Anhänger des Universellen
Lebens hätten „Würzburg und Umgebung wie ein Spinnennetz durchzogen“. Es
handle sich um „Opfer“: „Sie sind in gewisser Weise Hilflose und Abhängige,
doch gerade darum ist das Geschäft mit dem Jenseits besonders schmutzig und
verabscheuungswürdig.“
Geschäft mit dem Jenseits? Gerade darin, wie man konfessionelle Rituale zu
klingender Münze machen kann, sind die beiden Großkirchen seit Jahrhunderten
Experten. Sind sie deshalb so eifersüchtig darauf bedacht, ihre „Pfründe“
gegen vermeintliche Konkurrenten zu verteidigen?
Dieser Geo-Artikel ist nicht nur deshalb erwähnenswert, weil er ein
hervorstechendes Beispiel für Rufmord bietet – erst seitenlang von „Tricks“
und „Scharlatanen“ aller möglichen Couleur schreiben, dann am Ende eine
bestimmte Gruppe, hier eben das Universelle Leben, als „krönenden Abschluss“
präsentieren. Der Artikel verrät auch einiges über Haacks innige Kontakte zu
bestimmten Medienkonzernen: Denn er selbst darf diesen Artikel als
Gast-Autor schreiben. Wörtliche Passagen des Artikels finden sich später in
Haacks Buch „Europas neue Religionen“ (1991) wieder. Man kann nur ahnen, wie
viele Sensationsartikel gegen „Sekten“ direkt aus der Feder der
Rufmordmordbeauftragten stammen – bis heute.
„Im Mittelalter wären wir ganz anders
mit euch umgesprungen“
Das übersteigerte Selbstbewusstsein und das eifernde Sendungsbewusstsein des
merkwürdigen „Pfarrers“ führen immer wieder zu Situationen, die auch einer
gewissen Komik und tragischen Peinlichkeit nicht entbehren. Als die
Urchristen am 8. Oktober 1986 einen Schweigemarsch durch Würzburg
veranstalten, um gegen ihre Diskriminierung durch Kirche und Staat zu
protestieren, taucht plötzlich Haack auf, springt in seinem Ledermantel wie
ein Rumpelstilzchen vor und neben dem Zug hin und her, fuchtelt mit seiner
Kamera, fotografiert die friedlich demonstrierenden Urchristen aus allen
möglichen Blickwinkeln. Er beschimpft einzelne Urchristen, die zum
(behördlich vorgeschriebenen) Ordnungsdienst eingesetzt sind, als
„Rüpelzwerge“, „Geheimpolizei“, „Gedankenpolizei“, den gesamten
Demonstrationszug als „Naziherde“, „lauter Verrückte, bis in die
Zehennägel“. Es erbost ihn sichtlich, dass Menschen des 20. Jahrhunderts von
ihrem Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch machen. „Ich mach’ euch
fertig“, giftet der Pfarrer, und: „Im Mittelalter wären wir ganz anders mit
euch umgesprungen.“ (Tatsächlich: Im Jahr 1446 wurden 127 Anhänger der
Hussiten dazu verurteilt, in einer „Bußprozession“ durch Würzburg zu ziehen,
ehe sie in einer feierlichen Zeremonie ihrem Glauben abschwören mussten.)
Einen Christusfreund, der ihn mit ruhigen Worten in die Schranken zu weisen
versucht, schreit Haack an: „Du gehst am Rande einer Ohrfeige spazieren! Ich
werfe dich gleich in den Brunnen da!“ Bei der Schlusskundgebung vor der
Würzburger Residenz versucht er, mit seiner Kamera in einen Kreis
einzudringen, den die friedlichen Demonstranten gebildet haben. Als er daran
gehindert wird, wendet er sich an einen Polizisten: „Bitte helfen Sie mir,
die wollen mir etwas antun.“ Doch die Staatsmacht pariert dieses Mal nicht
in seinem Sinne – die Polizei ist mit dem friedlichen und disziplinierten
Verlauf der Veranstaltung zufrieden. Ein Polizist weist den Störenfried
zurecht: „Ist ja auch kein Wunder. Lassen Sie doch zuerst diese Leute in
Ruhe – oder kommen Sie mit! Wenn Sie sich weiterhin so undiszipliniert
benehmen und die Gruppe stören, die hier friedlich versammelt ist, müssen
wir Sie mitnehmen.“ Daraufhin lässt der lutherische Irrwisch noch einmal
seine Wut an den Umstehenden aus: „Das werden Sie noch bereuen! Damit tun
Sie Ihrem Verein keinen Gefallen! Wartet nur, jetzt habe ich genügend Stoff
für weitere Publikationen. Ihr habt bald nichts mehr zu lachen.“
Offenbar war sein gesammeltes Material doch nicht so ergiebig. Denn nach
„Stoff für weitere Publikationen“ stöbert der umtriebige Pfarrer wenig
später doch wahrhaftig in den Mülltonnen der von Urchristen geführten
Handwerksfirma „Wir sind für Sie da“ in Würzburg. Er wird daraufhin gebeten,
dies zu unterlassen.
Als Haack 1991 stirbt, würdigt der Würzburger Bischof Scheele seine
„Verdienste“. Für die Katholiken des Bistums sei sein Tod ein „schmerzlicher
Verlust“. In „seltener Klarheit habe er die heraufkommenden extremen
Weltanschauungen als Herausforderung für alle Kirchen des apostolischen
Glaubensbekenntnisses erkannt“, gibt das katholische Volksblatt
(15.3.91)
die bischöfliche Laudatio wieder. Und im Evangelischen Sonntagsblatt
(31.3.91) wird der berufsmäßige Ehrabschneider ebenfalls breit gewürdigt:
„Zahllose jugendliche sowie erwachsene Frauen und Männer verdanken der
fundierten Aufklärungsarbeit Pfarrer Haacks, dass sie nicht Gruppierungen
zum Opfer gefallen sind, die ihre religiösen Sehnsüchte eigennützig und zum
Schaden der Person ausnutzen.“
Der lutherische Landesbischof von Bayern Johannes Hanselmann hatte schon
lange vorher durch seinen Oberkirchenrat Sperl einem protestantischen
Kritiker des Rufmordbeauftragten mitteilen lassen, der Landeskirchenrat sei
Haack „sehr dankbar für seinen Dienst“. Und durch Kirchenrat Busch ließ
Hanselmann später auch den Nachfolger Haacks und dessen „engagierten Dienst“
würdigen – denn Pfarrer Behnk sollte sich in der Tat alle Mühe geben, das
Verleumdungsniveau seines Vorgängers zu erreichen und sogar noch zu
übertreffen – siehe S. 310 ff.
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