Das Buch
 

Der Steinadler und sein Schwefelgeruch
- Das neue Mittelalter

Buch, 464 Seiten, gebunden,
mit zahlreichen Abbildungen
Euro 14,90, SFr 26,80 + Versand
ISBN 978-3-9808322-3-6

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Kapitel 3
DIE VERFOLGUNG DER URCHRISTEN IM UNIVERSELLEN LEBEN
 

Abschnitt 8
EIN „PFARRER“ WÜHLT IN MÜLLTONNEN

(1986-1991)
 

Während sich Graf Magnis bei seiner Verleumdungs-„Arbeit“ weitgehend auf den Würzburger Raum beschränkte, nützte „Pfarrer“ Friedrich Haack (vgl. S. 95 ff) von Beginn an auch überregionale Medien, schrieb Bücher und drängte Politiker zur Teilnahme an der großen Treibjagd gegen die Urchristen. Im Erfinden von neuen Verleumdungsformeln war er sogar noch „kreativer“ als sein katholisches Pendant.

In seinem 1986 erschienenen Buch „Das Heimholungswerk der Gabriele Wittek“ etwa bezeichnet er die Urchristen als „Offenbarungsbesitzer“, die die Kirchen „rücksichtslos beschimpfen“, die „Hasskanonaden mit Selbstbeweihräucherungstaste“ abfeuern (S. 217). Obwohl er keine urchristlichen Familien oder Kinder kennt, behauptet er frech, der religiöse Kampf in der Familie arte „nahezu zwangsläufig zum Terror“ aus (S. 219). Besonders die Kinder seien gefährdet, hätten keine „normale“ Kindheit. Dass – etwa bei Sorgerechts-Streitigkeiten – das Kind nicht dem Elternteil zugesprochen werden sollte, der „Wittek-gläubig“ sei, könne „von lebensentscheidender Bedeutung sein“, tönt er in einer zweiten, ebenfalls 1986 erschienenen Schrift mit dem Titel „Gabriele Witteks Universelles Leben“ (S. 29). Tatsächlich kommt es in der Folgezeit zu einigen Gerichtsprozessen um das Sorgerecht (s. unten Kap. 3.15) 424, wobei aber die Gerichte nach eingehender Prüfung der Sachlage nichts erkennen können, was einen Urchristen daran hindern würde, sein Sorgerecht verantwortungsvoll auszuüben. Doch solche unverblümten Aufforderungen zur rechtlichen Diskriminierung einer religiösen Minderheit haben bei Haack Methode. Was er von Toleranz hält, stellt er schon zu Beginn seines ersten Buches klar: Die „alte, gutbürgerliche Nathan-der-Weise-Naivität“ und die „Seid-nett-zueinander-Weltmeisterschaften“ sollten vorbei sein (S. 8). Dunkle Vermutungen und Andeutungen wechseln ab mit primitivem Spott. Haack warnt vor den Glaubensheilungen des Universellen Lebens, weil Menschen hier „in die Hände Unkundiger und Unzuverlässiger fallen“, weil die Gefahr bestehe, dass man sich auf „undurchsichtige Weise berufsartig“ betätige, um „auf Kosten dieser Menschen eine bequeme Einnahmequelle zu haben“. 425 (Die Glaubensheilungen sind in Wirklichkeit kostenlos.) Er stellt die falsche Behauptung auf, die Urchristen würden gänzlich auf Medikamente verzichten und folgert dann, dies könne „lebensgefährlich werden“. Oder er behauptet einfach, es drohe Jugendlichen der „Abbruch der Ausbildung“ und „vielleicht noch eine Eheschließung ‚auf Geheiß Jesu durch Prophetie’“. 426 Der Prophetin des Universellen Lebens unterstellt Haack „Verwirrung, ja vielleicht Krankhaftigkeit“ 427; der Gott des Universellen Lebens sei ein „Reichskammergerichtspräsident“ und ein „kleinbürgerlicher Gott ohne Geheimnisse“ 428 – Theologen lieben schließlich die „Geheimnisse Gottes“, hinter denen sie ihre eigene Unwissenheit bezüglich der geistigen Wahrheit verbergen und in die sie ihre eigenen Vorstellungen hineindogmatisieren können. Kurzum: Was Haack schreibt, ist eine einzige Abwertung und Verhöhnung des Glaubens anderer, die zwar „locker“ oder „lustig“ klingen soll, in Wahrheit aber böse Vernichtungsarbeit – und damit tiefstes Mittelalter ist.

Politiker als willige Sprachrohre Haacks

In der von ihm herausgegebenen „Münchner Reihe“ lässt Haack mit Vorliebe auch Politiker zu Wort kommen, die er vor seinen Karren gespannt hat. „Die neuen Jugendreligionen“ (1986) heißt eine dieser Broschüren, in welcher der Würzburger CSU-Bundestagsabgeordnete und spätere Bundespostminister Wolfgang Bötsch zu Wort kommt. Er lobt Graf Magnis, der das Universelle Leben als „gefährliche Sekte“ entlarvt habe. Hier würden, so Bötsch, die „Grenzen der Religionsfreiheit überschritten“. Die Politiker seien gefordert, „das Gemeinwohl vor Schaden zu bewahren und unserer Stadt den religiösen Frieden zu erhalten“. (So war das zu Inquisitionszeiten auch: Der „religiöse Friede“, der katholische Zwangsfriede, war hergestellt, wenn die „Ketzer“ ausgemerzt waren, eher nicht.) Der CSU-Europaabgeordnete und spätere bayerische Europaminister Reinhold Bocklet ruft in diesem Pamphlet zum „Kampf gegen Jugendsekten auf europäischer Ebene“ auf. Der CSU-MdB Götzer fordert „keine Chance mehr für die Seelenfänger – politische Initiativen gegen Jugendsekten“; das Verhalten dieser Gruppierungen sei „sozialschädigend“. Die CSU-Politiker Udo Schuster und Manfred Ach fungieren als Mitherausgeber.

Im Verlauf der Jahre 1987 und 1988 schlägt Haack in seinen Vorträgen und Artikeln gegen die Urchristen zunehmend politische Töne an: Es gehe um eine „politische Auseinandersetzung“ 429, „Sekten“ seien aber „nicht mehr diskussionsfähig“, das Universelle Leben kaufe „in bestimmten Orten um Würzburg herum jeden Quadratmeter Land auf, um dort den Christusstaat zu errichten.“ 430 Die Ankündigung des Friedensreiches durch das Universelle Leben, so Haack in einem Vortrag am 29.5.87 in Marktheidenfeld, stehe so nicht in der Bibel. Nur der Teufel spreche dort von einem irdischen Reich Jesu. Haack wünscht sich, dass es für so eine „nicht kooperative Gruppe“ (weil sie nicht mit den Kirchen kooperiert) „irgendwo noch so eine Landfläche gäbe, wo man ... seine Sachen machen könne und vom Rest der Welt nicht gehindert ist“. (Eine Anmerkung sei hier gestattet, ohne damit die Vorgänge insgesamt vergleichen zu wollen: Auch die Nationalsozialisten wollten in den 30er Jahren die Juden zunächst nach Madagaskar abschieben ...)

In Geo (12/89) behauptet Haack (unter der Überschrift „So macht man Geschäfte mit dem Glauben der Menschen“), die Anhänger des Universellen Lebens hätten „Würzburg und Umgebung wie ein Spinnennetz durchzogen“. Es handle sich um „Opfer“: „Sie sind in gewisser Weise Hilflose und Abhängige, doch gerade darum ist das Geschäft mit dem Jenseits besonders schmutzig und verabscheuungswürdig.“

Geschäft mit dem Jenseits? Gerade darin, wie man konfessionelle Rituale zu klingender Münze machen kann, sind die beiden Großkirchen seit Jahrhunderten Experten. Sind sie deshalb so eifersüchtig darauf bedacht, ihre „Pfründe“ gegen vermeintliche Konkurrenten zu verteidigen?

Dieser Geo-Artikel ist nicht nur deshalb erwähnenswert, weil er ein hervorstechendes Beispiel für Rufmord bietet – erst seitenlang von „Tricks“ und „Scharlatanen“ aller möglichen Couleur schreiben, dann am Ende eine bestimmte Gruppe, hier eben das Universelle Leben, als „krönenden Abschluss“ präsentieren. Der Artikel verrät auch einiges über Haacks innige Kontakte zu bestimmten Medienkonzernen: Denn er selbst darf diesen Artikel als Gast-Autor schreiben. Wörtliche Passagen des Artikels finden sich später in Haacks Buch „Europas neue Religionen“ (1991) wieder. Man kann nur ahnen, wie viele Sensationsartikel gegen „Sekten“ direkt aus der Feder der Rufmordmordbeauftragten stammen – bis heute.

„Im Mittelalter wären wir ganz anders mit euch umgesprungen“

Das übersteigerte Selbstbewusstsein und das eifernde Sendungsbewusstsein des merkwürdigen „Pfarrers“ führen immer wieder zu Situationen, die auch einer gewissen Komik und tragischen Peinlichkeit nicht entbehren. Als die Urchristen am 8. Oktober 1986 einen Schweigemarsch durch Würzburg veranstalten, um gegen ihre Diskriminierung durch Kirche und Staat zu protestieren, taucht plötzlich Haack auf, springt in seinem Ledermantel wie ein Rumpelstilzchen vor und neben dem Zug hin und her, fuchtelt mit seiner Kamera, fotografiert die friedlich demonstrierenden Urchristen aus allen möglichen Blickwinkeln. Er beschimpft einzelne Urchristen, die zum (behördlich vorgeschriebenen) Ordnungsdienst eingesetzt sind, als „Rüpelzwerge“, „Geheimpolizei“, „Gedankenpolizei“, den gesamten Demonstrationszug als „Naziherde“, „lauter Verrückte, bis in die Zehennägel“. Es erbost ihn sichtlich, dass Menschen des 20. Jahrhunderts von ihrem Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch machen. „Ich mach’ euch fertig“, giftet der Pfarrer, und: „Im Mittelalter wären wir ganz anders mit euch umgesprungen.“ (Tatsächlich: Im Jahr 1446 wurden 127 Anhänger der Hussiten dazu verurteilt, in einer „Bußprozession“ durch Würzburg zu ziehen, ehe sie in einer feierlichen Zeremonie ihrem Glauben abschwören mussten.) Einen Christusfreund, der ihn mit ruhigen Worten in die Schranken zu weisen versucht, schreit Haack an: „Du gehst am Rande einer Ohrfeige spazieren! Ich werfe dich gleich in den Brunnen da!“ Bei der Schlusskundgebung vor der Würzburger Residenz versucht er, mit seiner Kamera in einen Kreis einzudringen, den die friedlichen Demonstranten gebildet haben. Als er daran gehindert wird, wendet er sich an einen Polizisten: „Bitte helfen Sie mir, die wollen mir etwas antun.“ Doch die Staatsmacht pariert dieses Mal nicht in seinem Sinne – die Polizei ist mit dem friedlichen und disziplinierten Verlauf der Veranstaltung zufrieden. Ein Polizist weist den Störenfried zurecht: „Ist ja auch kein Wunder. Lassen Sie doch zuerst diese Leute in Ruhe – oder kommen Sie mit! Wenn Sie sich weiterhin so undiszipliniert benehmen und die Gruppe stören, die hier friedlich versammelt ist, müssen wir Sie mitnehmen.“ Daraufhin lässt der lutherische Irrwisch noch einmal seine Wut an den Umstehenden aus: „Das werden Sie noch bereuen! Damit tun Sie Ihrem Verein keinen Gefallen! Wartet nur, jetzt habe ich genügend Stoff für weitere Publikationen. Ihr habt bald nichts mehr zu lachen.“
Offenbar war sein gesammeltes Material doch nicht so ergiebig. Denn nach „Stoff für weitere Publikationen“ stöbert der umtriebige Pfarrer wenig später doch wahrhaftig in den Mülltonnen der von Urchristen geführten Handwerksfirma „Wir sind für Sie da“ in Würzburg. Er wird daraufhin gebeten, dies zu unterlassen.

Als Haack 1991 stirbt, würdigt der Würzburger Bischof Scheele seine „Verdienste“. Für die Katholiken des Bistums sei sein Tod ein „schmerzlicher Verlust“. In „seltener Klarheit habe er die heraufkommenden extremen Weltanschauungen als Herausforderung für alle Kirchen des apostolischen Glaubensbekenntnisses erkannt“, gibt das katholische Volksblatt (15.3.91) die bischöfliche Laudatio wieder. Und im Evangelischen Sonntagsblatt (31.3.91) wird der berufsmäßige Ehrabschneider ebenfalls breit gewürdigt: „Zahllose jugendliche sowie erwachsene Frauen und Männer verdanken der fundierten Aufklärungsarbeit Pfarrer Haacks, dass sie nicht Gruppierungen zum Opfer gefallen sind, die ihre religiösen Sehnsüchte eigennützig und zum Schaden der Person ausnutzen.“

Der lutherische Landesbischof von Bayern Johannes Hanselmann hatte schon lange vorher durch seinen Oberkirchenrat Sperl einem protestantischen Kritiker des Rufmordbeauftragten mitteilen lassen, der Landeskirchenrat sei Haack „sehr dankbar für seinen Dienst“. Und durch Kirchenrat Busch ließ Hanselmann später auch den Nachfolger Haacks und dessen „engagierten Dienst“ würdigen – denn Pfarrer Behnk sollte sich in der Tat alle Mühe geben, das Verleumdungsniveau seines Vorgängers zu erreichen und sogar noch zu übertreffen – siehe S. 310 ff.

 

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